Steissbeinschmerzen beim Sitzen: Ursachen und was hilft
Ein Schmerz ganz unten am Rücken, der beim Sitzen zunimmt und beim Aufstehen kurz sticht: Steissbeinschmerzen sind unangenehm, sozial heikel und erstaunlich hartnäckig. Der am häufigsten gekaufte Helfer ist dabei ausgerechnet der falsche.

Das Steissbein ist der kleine, nach innen gebogene Knochenabschnitt ganz am Ende der Wirbelsäule, gebildet aus drei bis fünf verschmolzenen Restwirbeln. Es wirkt wie ein Überbleibsel, hat aber eine Aufgabe: Am Steissbein setzen mehrere Bänder und ein Teil der Beckenbodenmuskulatur an, und im Sitzen bildet es zusammen mit den beiden Sitzbeinhöckern ein Dreieck, das das Körpergewicht trägt. Schmerzt es, spricht die Medizin von Kokzygodynie. Der typische Verlauf ist unverkennbar: schlimmer beim Sitzen, besonders auf harten Flächen, schlimmer beim Aufstehen aus dem Sitzen, oft besser beim Gehen und Stehen.
Woher der Schmerz kommt
Die Ursachen lassen sich in vier Gruppen ordnen. Am bekanntesten ist der Sturz auf das Gesäss, etwa auf einer Treppe oder auf dem Eis. Dabei kann das Steissbein geprellt, seltener gebrochen oder in seiner Beweglichkeit gestört werden. Zweitens die Geburt: Beim Durchtritt des Kindes wird das Steissbein nach hinten gedrängt, was zu einer anhaltenden Reizung führen kann. Drittens die chronische Belastung durch langes Sitzen auf harten Flächen, häufiges Radfahren oder Rudern. Und viertens die muskuläre Komponente: Der Beckenboden setzt am Steissbein an, und eine dauerhaft erhöhte Spannung dieser Muskulatur kann Zug auf den Knochen ausüben.
Eine Fachübersicht zur Kokzygodynie beschreibt das Beschwerdebild als ein bis heute nicht restlos geklärtes Problem, bei dem die Ursache oft unklar bleibt und die Behandlungsergebnisse entsprechend unterschiedlich ausfallen. Diese Ehrlichkeit ist wichtig: Wer keine eindeutige Ursache findet, hat nichts übersehen, sondern die typische Situation vor sich. Umso mehr zählt, was sich praktisch verändern lässt – und das ist vor allem die Belastung im Sitzen.
Sitzen Sie leicht nach vorne geneigt, sodass das Gewicht auf den Sitzbeinhöckern und den Oberschenkeln ruht statt auf dem Steissbein. Verwenden Sie ein Keilkissen mit Aussparung hinten, kein rundes Ringkissen. Wechseln Sie die Position häufig. Die meisten Beschwerden bessern sich über Wochen bis wenige Monate.
Warum das Ringkissen oft die falsche Wahl ist
Hier liegt der praktische Kern, und er widerspricht dem, was in jedem Sanitätsgeschäft als Erstes im Regal steht. Das klassische runde Ringkissen – manchmal Donut- oder Hämorrhoidenkissen genannt – hat ein Loch in der Mitte. Die Idee: Der schmerzende Bereich hängt frei. Das Problem: Wenn das gesamte Becken in diese Öffnung absinkt, ziehen die Weichteile rund um das Loch nach unten. Statt Entlastung entsteht Zug – und die Spannung auf das Steissbein kann sogar zunehmen.
Besser geeignet ist ein Keilkissen mit einer Aussparung im hinteren Bereich, oft als U- oder V-Form gestaltet. Es leistet zwei Dinge gleichzeitig: Die Aussparung lässt den Bereich um das Steissbein frei, ohne dass das Becken hineinsinkt, und die Keilform kippt das Becken leicht nach vorne, sodass das Gewicht auf die Sitzbeinhöcker wandert. Wer kein solches Kissen zur Hand hat, kann den Effekt mit zwei gefalteten Handtüchern nachbauen: eines unter jeden Oberschenkel, der Bereich dazwischen bleibt frei.
| Hilfsmittel | Wirkung | Einordnung |
|---|---|---|
| Keilkissen mit Aussparung | Becken kippt nach vorne, Steissbein bleibt frei. | ● Erste Wahl. |
| Zwei gefaltete Handtücher | Selbstgebaute Entlastung, Gewicht auf den Oberschenkeln. | ● Gute Notlösung. |
| Weiches Sitzkissen ohne Aussparung | Verteilt Druck, entlastet das Steissbein aber wenig. | ● Besser als nichts. |
| Rundes Ringkissen | Becken sinkt in die Öffnung, Zug auf die Weichteile. | ● Meist ungeeignet. |
Die Sitzhaltung, die entlastet
Wichtiger als jedes Kissen ist, wie Sie sitzen. Beim aufrechten oder gar zurückgelehnten Sitzen mit rundem unteren Rücken kippt das Becken nach hinten, und das Gewicht wandert genau dorthin, wo es wehtut. Kippen Sie das Becken dagegen leicht nach vorne, verlagert sich die Last auf die Sitzbeinhöcker und die Oberschenkel. Praktisch heisst das: mit leicht nach vorne geneigtem Oberkörper sitzen, das Gesäss weit hinten auf der Sitzfläche, die Füsse flach am Boden, die Sitzfläche eher etwas höher eingestellt.
Dazu kommen zwei Gewohnheiten. Positionswechsel: alle zwanzig bis dreissig Minuten aufstehen, ein paar Schritte gehen, das Gewicht im Sitzen von einer Seite auf die andere verlagern. Harte Flächen meiden: Holzstühle, Metallbänke, Autositze mit fester Polsterung sind in den ersten Wochen die grössten Reizquellen. Zur allgemeinen Sitzergonomie haben wir die Grundlagen im Beitrag Richtig sitzen im Alltag zusammengetragen.
Der übersehene Zusammenhang: der Beckenboden
Ein Teil der Beckenbodenmuskulatur setzt direkt am Steissbein an. Ist diese Muskulatur dauerhaft zu stark angespannt – etwa als Reaktion auf den Schmerz selbst, unter Stress oder nach einer Geburt – zieht sie am Steissbein und hält die Reizung in Gang. Das erklärt, warum manche Betroffene mit reiner Sitzoptimierung nicht weiterkommen.
Der wichtige Unterschied dabei: Hier geht es nicht um Kräftigung, sondern um Entspannung. Wer bei Steissbeinschmerzen intensiv Beckenbodentraining im Sinne von Anspannungsübungen macht, verstärkt unter Umständen genau die Spannung, die das Problem unterhält. Sinnvoll ist zunächst das Gegenteil: bewusstes Loslassen, tiefe Bauchatmung, in der die Beckenbodenmuskulatur mit der Einatmung nachgibt, und entspannende Positionen. Erst wenn die Spannung nachlässt, kommt gezielte Kräftigung sinnvoll dazu – die Wahrnehmungsgrundlagen dafür beschreiben wir im Beitrag zum Beckenbodentraining.
| Übung | So geht's |
|---|---|
| Atmung mit Loslassen | Rückenlage, Knie angewinkelt. Mit der Einatmung bewusst in den Bauch atmen und spüren, wie der Beckenboden nachgibt. 10 ruhige Atemzüge, 2- bis 3-mal täglich. |
| Kindshaltung | Auf den Fersen sitzend nach vorne ablegen, Stirn zum Boden, Arme nach vorne. 1 bis 2 Minuten. Öffnet den unteren Rücken und entlastet das Becken. |
| Beckenkippen im Liegen | Rückenlage, Knie angewinkelt. Das Becken langsam nach hinten und vorne kippen. 10- bis 15-mal ruhig. Mobilisiert das Kreuzbein und die Umgebung. |
| Hüftbeuger dehnen | Ausfallschritt, Becken leicht nach vorne schieben, bis vorne in der Hüfte ein Zug entsteht. 20 bis 30 Sekunden pro Seite, 2-mal. Wirkt der Sitzhaltung entgegen. |
Ärztlich abklären lassen sollten Sie die Beschwerden nach einem Sturz auf das Gesäss mit starkem Schmerz, bei Fieber, bei Schwellung oder Rötung über dem Steissbein, bei Blut im Stuhl, bei ungewolltem Gewichtsverlust und bei Taubheit im Reithosenbereich oder neuen Störungen von Blase und Enddarm. Auch anhaltende Beschwerden über mehrere Monate trotz Behandlung gehören genauer untersucht.
Verlauf und weitere Behandlungsmöglichkeiten
Die meisten Beschwerden bessern sich unter konsequenter konservativer Behandlung innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten. Bei einem Teil der Betroffenen bleibt der Schmerz jedoch hartnäckig – vor allem dann, wenn die auslösende Belastung, meist langes Sitzen, unverändert bestehen bleibt. Deshalb lohnt es sich, früh und konsequent an der Sitzsituation zu arbeiten, statt monatelang abzuwarten.
Bleiben die Beschwerden bestehen, gibt es weitere Optionen. In der Physiotherapie kommen manuelle Techniken für das Steissbein und die umgebende Muskulatur, Entspannungstechniken für den Beckenboden und ein angepasstes Bewegungsprogramm zum Einsatz. Rezeptfreie Schmerzmittel und Wärme können die Phase überbrücken. Bei hartnäckigen Verläufen kommen gezielte Infiltrationen infrage, also örtliche Betäubungs- oder Kortisonspritzen in den Bereich des Steissbeins. Eine operative Entfernung des Steissbeins ist die absolute Ausnahme und wird erst nach Ausschöpfen aller anderen Möglichkeiten und sorgfältiger Abwägung erwogen.
Was Sie nicht tun sollten: das Sitzen ganz vermeiden. Wer aus Angst vor dem Schmerz nur noch steht oder liegt, verliert Belastbarkeit und schränkt den Alltag stärker ein als nötig. Sinnvoll ist die dosierte Anpassung – kürzere Sitzzeiten mit besserer Position statt völliger Verzicht. Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung; bei anhaltenden Beschwerden ist die individuelle Abklärung der bessere Weg.
Häufige Fragen
Was hilft gegen Steissbeinschmerzen beim Sitzen?
Am meisten bringt eine veränderte Sitzposition: leicht nach vorne geneigt sitzen, sodass das Gewicht auf den Sitzbeinhöckern und den Oberschenkeln ruht statt auf dem Steissbein. Dazu ein Keilkissen mit Aussparung hinten, häufige Positionswechsel und in den ersten Wochen möglichst wenig langes Sitzen auf harten Flächen. Wärme, ein rezeptfreies Schmerzmittel und gezielte Physiotherapie ergänzen das.
Ist ein Ringkissen bei Steissbeinschmerzen sinnvoll?
Meistens nicht die beste Wahl. Ein klassisches rundes Ringkissen lässt das Becken in die Öffnung sinken und kann die Spannung auf das Steissbein sogar erhöhen. Empfohlen wird eher ein Keilkissen mit einer Aussparung im hinteren Bereich, das den Bereich um das Steissbein frei lässt und gleichzeitig das Becken leicht nach vorne kippt. Wichtiger als das Kissen ist ohnehin die Sitzhaltung.
Wie lange dauern Steissbeinschmerzen?
Die meisten Beschwerden bessern sich unter konservativer Behandlung innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten. Bei einem Teil der Betroffenen bleiben die Schmerzen jedoch hartnäckig und ziehen sich über Monate hin, besonders wenn die Belastung durch langes Sitzen unverändert bleibt. Eine gezielte Behandlung lohnt sich früh, weil sich hartnäckige Verläufe schwerer beeinflussen lassen.
Woher kommen Steissbeinschmerzen ohne Sturz?
Auch ohne Sturz gibt es typische Auslöser: langes Sitzen auf harten Flächen, eine Geburt, eine deutliche Gewichtsveränderung, wiederholte kleine Belastungen etwa beim Rudern oder Radfahren sowie Verspannungen der Beckenbodenmuskulatur, die am Steissbein ansetzt. In einem Teil der Fälle lässt sich keine eindeutige Ursache finden. Die Behandlung richtet sich dann nach den Beschwerden und der Belastungssituation.
Wann müssen Steissbeinschmerzen ärztlich abgeklärt werden?
Abklären lassen sollten Sie die Beschwerden nach einem Sturz auf das Gesäss mit starkem Schmerz, bei Fieber, bei einer Schwellung oder Rötung über dem Steissbein, bei Blut im Stuhl, bei ungewolltem Gewichtsverlust sowie bei Taubheit im Reithosenbereich oder Störungen von Blase und Enddarm. Auch Schmerzen, die trotz Behandlung über Monate unverändert bleiben, gehören genauer untersucht.
Hilft Beckenbodentraining bei Steissbeinschmerzen?
Nicht in Form von reiner Kräftigung. Weil ein Teil der Beckenbodenmuskulatur am Steissbein ansetzt, kann eine dauerhaft erhöhte Spannung dieser Muskulatur die Beschwerden unterhalten. In diesem Fall steht zuerst das bewusste Loslassen im Vordergrund: tiefe Bauchatmung, entspannende Positionen und gegebenenfalls gezielte physiotherapeutische Techniken. Kräftigung kommt erst dazu, wenn die Spannung nachgelassen hat.
Quellen & Literatur
- Nathan ST, Fisher BE, Roberts CS. Coccydynia: a review of pathoanatomy, aetiology, treatment and outcome. The Journal of Bone and Joint Surgery (British volume). 2010. J Bone Joint Surg Br. Abgerufen 2026.
- IQWiG / gesundheitsinformation.de. Rückenschmerzen: Ursachen und Behandlung. gesundheitsinformation.de. Abgerufen 2026.
- Suva. Ergonomie am Arbeitsplatz: Sitzen und Bewegung. suva.ch. Abgerufen 2026.
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