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Senk- und Spreizfuss: welche Fussübungen wirklich helfen

Ein Blick auf den nassen Fussabdruck, und die Diagnose scheint klar: zu flach. Doch ein flaches Fussgewölbe ist keine Diagnose, sondern eine Form. Ob daraus ein Problem wird, entscheidet etwas ganz anderes.

Aufrecht-Fachredaktion
Veröffentlicht am 6. August 2026 · 8 Min. Lesezeit
Nackte Füsse auf einem Holzboden, die Zehen bei einer Fussübung aktiv gespreizt
Nicht die Höhe des Gewölbes entscheidet, sondern wie belastbar der Fuss ist.

Kaum ein Körperteil wird so bereitwillig für krankhaft erklärt wie der flache Fuss. Der Abdruck im Schwimmbad, ein Blick des Schuhverkäufers, ein Kommentar beim Sport – und schon steht die Vermutung im Raum, hier stimme etwas grundlegend nicht. Dabei ist die Bandbreite normaler Fussformen enorm, und die Verbindung zwischen Fussform und Beschwerden ist deutlich schwächer, als der Volksmund glaubt. Dieser Beitrag ordnet ein, was die Fachliteratur tatsächlich hergibt, und zeigt, worauf es beim Üben ankommt.

Form ist nicht Funktion

Der menschliche Fuss hat zwei Gewölbe: ein Längsgewölbe entlang der Innenseite und ein Quergewölbe im Vorfuss. Ist das Längsgewölbe abgeflacht, spricht man vom Senkfuss, in ausgeprägter Form vom Plattfuss. Ist das Quergewölbe abgeflacht, sodass der Vorfuss breiter wird und die mittleren Zehenballen mehr Last tragen, spricht man vom Spreizfuss. Beide kommen häufig gemeinsam vor.

Entscheidend ist eine Unterscheidung, die im Alltag selten gemacht wird: flexibel oder starr. Der weitaus häufigere flexible Senkfuss senkt sich unter Belastung ab und richtet sich auf, sobald der Fuss entlastet wird oder man auf die Zehenspitzen geht. Ein starrer Fuss bleibt in seiner Form, egal was man tut. Der flexible Senkfuss ist eine normale Variante, die bei sehr vielen Erwachsenen vorkommt und meist keine Beschwerden macht. Der starre Fuss ist seltener und gehört genauer angeschaut.

Die praktische Konsequenz daraus ist zentral: Behandelt wird nicht die Form, sondern die Beschwerde. Wer flache Füsse hat und schmerzfrei durchs Leben geht, braucht keine Behandlung – auch dann nicht, wenn der Abdruck im Sand kein schönes Gewölbe zeigt.

Die kurze Antwort

Ein flexibler Senkfuss ohne Beschwerden braucht keine Behandlung. Wenn es schmerzt, geht es um Belastbarkeit, nicht um die Gewölbehöhe: Kraft für Fuss, Wade und Hüfte plus dosierte Belastungssteigerung. Einlagen können Symptome lindern, ihre Studienlage ist aber dünner, als ihre Verbreitung vermuten lässt.

Zwei einfache Selbsttests

TestSo geht'sWas es bedeutet
ZehenspitzenstandBarfuss vor einem Spiegel auf die Zehenspitzen gehen und die Fussinnenseite beobachten.Bildet sich dabei ein Gewölbe, ist der Fuss flexibel – das ist der häufige, meist unproblematische Fall. Bleibt er flach, ist der Fuss starr und gehört beurteilt.
Blick von hintenJemanden von hinten auf die Fersen schauen lassen, während Sie ruhig stehen.Sind mehr als zwei Zehen seitlich neben der Ferse sichtbar, ist der Vorfuss deutlich nach aussen gedreht. Ein Seitenunterschied ist dabei aussagekräftiger als der absolute Befund.

Der Seitenvergleich ist der wichtigste Teil beider Tests. Zwei symmetrisch flache Füsse, die es schon immer waren, sind eine Bauform. Ein Fuss, der deutlich flacher ist als der andere und erst im Erwachsenenalter abgesunken ist, ist etwas anderes – dazu weiter unten mehr.

Was Einlagen belegt leisten

Einlagen sind die verbreitetste Antwort auf einen flachen Fuss, und viele Betroffene erhalten sie, bevor überhaupt eine Beschwerde bestand. Die Studienlage ist zurückhaltender. Eine systematische Übersichtsarbeit sichtete gezielt die Untersuchungen zu Einlagen bei Erwachsenen mit flexiblem Senkfuss. Von über zweitausend gesichteten Arbeiten erfüllten dreizehn die Kriterien, davon nur zwei randomisierte kontrollierte Studien. Das Fazit: Es gibt keine hochwertige Evidenz, die den Einsatz von Einlagen bei flexiblem Senkfuss stützt. Für eine Verbesserung der körperlichen Funktion fanden sich Belege mittlerer Qualität, für Schmerzlinderung nur Belege niedriger Qualität.

Eine zweite, spätere Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 kam zum gleichen Ergebnis und formulierte es pointiert: Angesichts der schwachen verfügbaren Evidenz sei die verbreitete Verordnung von Einlagen einigermassen überraschend.

Was heisst das praktisch? Einlagen sind nicht wirkungslos, und viele Menschen empfinden sie als angenehm und entlastend. Sie sind aber ein Hilfsmittel zur Symptomlinderung, keine Korrektur – sie bauen kein Gewölbe auf und beheben keine Ursache. Wer sie als vorübergehende Unterstützung während einer schmerzhaften Phase nutzt und parallel an der Belastbarkeit arbeitet, nutzt sie sinnvoll. Wer sie als alleinige und dauerhafte Lösung erhält, verpasst den wirksameren Teil.

keine hochwertige Evidenz
fand eine Übersichtsarbeit für Einlagen bei flexiblem Senkfuss bei Erwachsenen
flexibel
ist der häufige, meist unproblematische Typ: Im Zehenspitzenstand bildet sich ein Gewölbe
Belastbarkeit
entscheidet über Beschwerden, nicht die Höhe des Gewölbes

Fünf Übungen, die den Fuss belastbar machen

Der ehrliche Rahmen zuerst: Übungen verändern die knöcherne Form des Fusses nicht dauerhaft. Was sie verändern können, ist die Kraft und Kontrolle rund um den Fuss – und das ist meist der Faktor, der über Beschwerden entscheidet. Dazu gehören die kleinen Muskeln im Fuss selbst, die kräftige Wadenmuskulatur, die das Gewölbe von oben stützt, und die Hüftmuskulatur, die die Beinachse kontrolliert.

ÜbungSo geht's
Kurzer FussBarfuss sitzen oder stehen, Ferse und Zehenballen am Boden lassen und den Vorfuss ohne Krallen der Zehen leicht zur Ferse ziehen, sodass das Gewölbe sich hebt. 10-mal 5 Sekunden halten, 2-mal täglich. Braucht Übung, ist aber die spezifischste Fussübung.
Zehen spreizenDie Zehen aktiv auseinanderspreizen und wieder schliessen, ohne sie zu krallen. 15- bis 20-mal. Aktiviert die kleinen Fussmuskeln, die im Schuh selten gefordert werden.
Wadenheben einbeinigAn einer Wand abstützen, auf einem Bein langsam auf die Zehenspitzen und wieder herunter. 10- bis 15-mal pro Seite, 2 bis 3 Durchgänge. Die wichtigste Kräftigung für Wade und Fussgewölbe.
Wadenheben über die KanteFortgeschritten: Vorfuss auf einer Treppenstufe, die Ferse unter die Stufe absenken und wieder hochdrücken. 10- bis 12-mal. Trainiert die Wade über den vollen Bewegungsumfang.
Einbeinstand mit BeinachseAuf einem Bein stehen, Knie leicht gebeugt, darauf achten, dass das Knie über der Fussmitte bleibt und nicht nach innen fällt. 20 bis 30 Sekunden, 3-mal pro Seite. Verbindet Fuss und Hüfte.

Dazu kommt eine Massnahme, die ohne Zeitaufwand auskommt: mehr Zeit barfuss oder in flachen, breiten Schuhen. Nicht als Dogma, sondern als Abwechslung zu engen Schuhen mit hoher Sohle, in denen der Fuss wenig zu tun hat. Wichtig ist die Dosierung – wer nach Jahren in gedämpften Schuhen plötzlich täglich barfuss läuft, überfordert Sehnen und Muskulatur. Ähnliche Zusammenhänge zwischen Fussform, Übungen und realistischen Erwartungen beschreiben wir im Beitrag zum Hallux valgus.

Der eine Senkfuss, der ernst zu nehmen ist

Es gibt eine Form, bei der Abwarten nicht angebracht ist: ein Fuss, der erst im Erwachsenenalter absinkt, meist einseitig, oft mit Schmerz und Schwellung an der Innenseite von Fuss und Knöchel, und mit der zunehmenden Unfähigkeit, einbeinig auf die Zehenspitzen zu kommen. Dahinter kann eine Schädigung der Sehne stecken, die das Gewölbe von innen hält. Diese Form gehört zeitnah ärztlich abgeklärt, weil sie fortschreiten kann. Ebenfalls abklären lassen sollten Sie Rötung, Überwärmung, Fieber, Taubheit oder eine plötzliche Formveränderung des Fusses.

Der Spreizfuss und der Vorfussschmerz

Beim Spreizfuss flacht das Quergewölbe im Vorfuss ab. Die Folge: Der Vorfuss wird breiter, und die mittleren Zehenballen tragen mehr Last, als sie gewohnt sind. Typische Zeichen sind Schwielen unter den mittleren Zehenballen, ein brennendes Gefühl im Vorfuss beim längeren Stehen und Schuhe, die vorne zu eng werden, obwohl die Länge stimmt.

Hier greifen drei Massnahmen. Erstens Schuhe mit breitem Vorfussbereich – dies ist die wirksamste einzelne Anpassung und oft die einzige, die es braucht. Zweitens Fuss- und Wadenkräftigung wie oben beschrieben, weil eine kräftige Wade die Vorfussbelastung besser abfängt. Drittens, wenn nötig, eine Einlage mit einer Pelotte, also einer kleinen Erhebung hinter den Zehenballen, die die Last umverteilt. Diese Form der Einlage ist gezielt symptomatisch und wird bei anhaltenden Vorfussbeschwerden häufig als angenehm empfunden.

Wenn der Schmerz im Vorfuss brennend ist und in zwei benachbarte Zehen ausstrahlt, oft mit dem Gefühl einer Falte in der Socke, kommen auch andere Ursachen infrage und eine Abklärung lohnt sich. Schmerzt dagegen die Ferse, besonders bei den ersten Schritten am Morgen, führt der Weg zu einem anderen Beschwerdebild, das wir im Beitrag Fersensporn und Plantarfasziitis behandeln. Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung; bei anhaltenden Beschwerden ist die individuelle Abklärung der bessere Weg.

Häufige Fragen

Ist ein Senkfuss behandlungsbedürftig?

Nur wenn er Beschwerden macht. Ein flexibles, abgeflachtes Fussgewölbe ist bei Erwachsenen sehr verbreitet und für sich genommen keine Krankheit. Viele Menschen mit deutlich flachen Füssen sind völlig beschwerdefrei und laufen, wandern oder rennen ohne Probleme. Behandelt wird nicht die Form, sondern der Schmerz oder die eingeschränkte Belastbarkeit.

Bringen Einlagen bei Senkfuss etwas?

Die Belege sind schwächer, als die Verbreitung von Einlagen vermuten lässt. Eine systematische Übersichtsarbeit zu Einlagen bei flexiblem Senkfuss bei Erwachsenen fand keine hochwertige Evidenz für ihren Einsatz; für eine Verbesserung der körperlichen Funktion gab es Belege mittlerer Qualität, für die Schmerzlinderung nur Belege niedriger Qualität. Eine weitere Übersicht aus dem Jahr 2021 kam ebenfalls zum Schluss, dass die Evidenzlage dünn ist. Als Mittel zur Symptomlinderung können Einlagen dennoch nützlich sein.

Kann man ein Fussgewölbe wieder aufbauen?

Die knöcherne Form des Fusses lässt sich durch Übungen nicht dauerhaft verändern. Was sich verändern lässt, ist die Belastbarkeit: Kraft der kleinen Fussmuskeln, der Wade und der Hüfte sowie die Kontrolle der Beinachse. Genau das entscheidet meist darüber, ob ein flacher Fuss Beschwerden macht oder nicht. Das Ziel ist deshalb ein belastbarer Fuss, nicht ein höheres Gewölbe.

Was ist der Unterschied zwischen Senkfuss und Spreizfuss?

Beim Senkfuss ist das Längsgewölbe an der Fussinnenseite abgeflacht, der Fuss wirkt von innen betrachtet flacher. Beim Spreizfuss ist das Quergewölbe im Vorfuss abgeflacht, der Vorfuss wird breiter und die mittleren Zehenballen tragen mehr Last. Typische Zeichen des Spreizfusses sind Schwielen unter den mittleren Zehenballen und Schmerzen im Vorfuss beim längeren Stehen.

Wann muss ein Senkfuss ärztlich abgeklärt werden?

Wichtig ist der Unterschied zwischen einem seit jeher flachen Fuss und einem Fuss, der erst im Erwachsenenalter absinkt, meist einseitig, oft mit Schmerz an der Innenseite von Fuss und Knöchel und mit zunehmender Fehlstellung. Diese Form gehört ärztlich abgeklärt. Ebenfalls abklären lassen sollten Sie Schwellung, Rötung, Fieber, Taubheit oder eine plötzliche Formveränderung des Fusses.

Ist Barfusslaufen bei Senkfuss sinnvoll?

Als Abwechslung ja, als plötzliche Umstellung nein. Zeit barfuss oder in flachen, breiten Schuhen fordert die kleinen Fussmuskeln, die im gedämpften Schuh wenig zu tun haben. Wer allerdings nach Jahren in stützenden Schuhen abrupt umstellt, überfordert Sehnen und Muskulatur und provoziert Beschwerden. Sinnvoll ist eine schrittweise Steigerung über Wochen, beginnend mit kurzen Phasen zuhause.

Quellen & Literatur

  1. Banwell HA, Mackintosh S, Thewlis D. Foot orthoses for adults with flexible pes planus: a systematic review. Journal of Foot and Ankle Research. 2014. J Foot Ankle Res. Abgerufen 2026.
  2. Herchenröder M, Wilfling D, Steinhäuser J. Evidence for foot orthoses for adults with flatfoot: a systematic review. Journal of Foot and Ankle Research. 2021. J Foot Ankle Res. Abgerufen 2026.
  3. IQWiG / gesundheitsinformation.de. Fussbeschwerden: Ursachen und Behandlung. gesundheitsinformation.de. Abgerufen 2026.

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