Aufrecht
Journal · Nach OP

Krücken richtig benutzen: Gehen, Treppe, Teilbelastung

Zwei Stöcke, ein Bein, eine Treppe: Was in der Praxis kurz gezeigt wurde, ist zuhause plötzlich schwieriger. Dieser Beitrag klärt die Merkregel für die Treppe – und zeigt einen Trick mit der Personenwaage, den kaum jemand kennt.

Aufrecht-Fachredaktion
Veröffentlicht am 6. August 2026 · 8 Min. Lesezeit
Person mit zwei Unterarmgehstützen steht am Fuss einer Treppe und setzt einen Fuss auf die erste Stufe
Die Treppe ist die Stelle, an der die meisten unsicher werden – dabei folgt sie einer einzigen Regel.

Nach einer Operation am Bein, einem Bruch oder einer Bandverletzung gehören Unterarmgehstützen für einige Wochen zum Alltag. Die Einweisung dauert oft nur wenige Minuten, und spätestens vor der ersten Treppe zuhause stellt sich die Frage, welches Bein wohin gehört. Dazu kommt eine Anweisung, die noch schwerer umzusetzen ist: Teilbelastung mit 15 oder 20 Kilo. Wie viel ist das? Dieser Beitrag beantwortet beides praktisch.

Zuerst: die richtige Höhe

Eine falsch eingestellte Krücke macht das Gehen anstrengender und verursacht innerhalb weniger Tage Nacken-, Schulter- oder Rückenbeschwerden. Die Einstellung ist in dreissig Sekunden erledigt.

Stellen Sie sich aufrecht mit Schuhen hin und lassen Sie die Arme locker hängen. Der Griff der Krücke sollte etwa auf Höhe des Handgelenks liegen, genauer: auf Höhe der Falte an der Handgelenksinnenseite. Wenn Sie den Griff dann fassen, ist der Ellbogen leicht gebeugt, etwa 20 bis 30 Grad. Diese leichte Beugung ist wichtig, weil sie den Armen erlaubt, Kraft abzugeben – ein völlig gestreckter Arm kann das nicht.

Die Armmanschette sollte den Unterarm etwa eine Handbreit unterhalb des Ellbogens umfassen und weit genug sein, dass der Arm im Notfall herausrutschen kann. Kontrollieren Sie zudem die Gummipuffer an den Spitzen: Sind sie abgelaufen und glatt, rutschen die Stützen auf nassem Boden weg. Sie sind ein Verschleissteil und lassen sich einzeln ersetzen.

Die kurze Antwort

Treppe aufwärts: zuerst das gesunde Bein. Treppe abwärts: zuerst die Krücken und das betroffene Bein. Griffhöhe auf Höhe des Handgelenks bei hängendem Arm. Und üben Sie die vorgegebene Teilbelastung mit einer Personenwaage, denn das blosse Gefühl täuscht erheblich.

Gehen in der Ebene

Für die Ebene gibt es zwei Muster, und welches gilt, hängt von Ihrer Vorgabe ab.

Der Dreipunktgang ist der übliche bei Teilbelastung oder Entlastung. Der Ablauf: Beide Stützen zusammen nach vorne setzen, dann das betroffene Bein zwischen die Stützen bringen und dabei nur so stark belasten, wie erlaubt, dann das gesunde Bein nachziehen. Die Schrittlänge klein halten – lange Schritte machen die Belastungskontrolle schwierig.

Der Vierpunktgang eignet sich, wenn beide Beine belastet werden dürfen und es vor allem um Sicherheit geht. Hier wechseln sich Stütze und Bein diagonal ab: linke Stütze, rechtes Bein, rechte Stütze, linkes Bein. Das ist langsamer, aber sehr stabil, weil immer drei Punkte am Boden sind.

In beiden Fällen gilt: Blick nach vorne, nicht auf die Füsse. Wer nach unten schaut, verlagert das Gewicht nach vorne und wird unsicherer, nicht sicherer.

Die Treppe: eine Regel, zwei Richtungen

Hier ist die Merkregel, die alles vereinfacht: Aufwärts zuerst das gesunde Bein, abwärts zuerst das kranke Bein. Im deutschsprachigen Raum kursiert dafür die Eselsbrücke «aufwärts in den Himmel mit dem guten Bein, abwärts in die Hölle mit dem schlechten».

Der Grund dahinter ist einfache Mechanik. Beim Hinaufsteigen muss ein Bein den ganzen Körper hochdrücken – das soll das gesunde übernehmen. Beim Hinabsteigen muss ein Bein das Körpergewicht kontrolliert absenken, was ebenfalls Kraft braucht – auch das übernimmt das gesunde, indem es zuletzt geht. Das betroffene Bein wird jeweils nur nachgeführt beziehungsweise zuerst abgesetzt, ohne die Arbeit zu leisten.

RichtungReihenfolgeMerkhilfe
Treppe hoch1. Gesundes Bein auf die höhere Stufe. 2. Betroffenes Bein nachziehen. 3. Krücken nachsetzen.Zuerst das gute Bein nach oben.
Treppe runter1. Krücken auf die tiefere Stufe. 2. Betroffenes Bein dazu. 3. Gesundes Bein nachziehen.Zuerst die Stützen und das schlechte Bein nach unten.
Mit GeländerBeide Krücken in die freie Hand nehmen, mit der anderen Hand das Geländer greifen. Gleiche Reihenfolge.Geländer schlägt zweite Krücke.

Wenn ein Geländer vorhanden ist, nutzen Sie es. Ein Geländer bietet mehr Sicherheit als die zweite Krücke. Nehmen Sie dazu beide Stützen in die geländerferne Hand, indem Sie die eine Stütze quer durch den Griff der anderen führen. Und wenn Sie unsicher sind: Es ist völlig legitim, eine Treppe im Sitzen zu bewältigen – Stufe für Stufe auf dem Gesäss, die Krücken in einer Hand. Sicherheit geht vor Eleganz.

72 %
der Betroffenen überschritten in einer Untersuchung ihre vorgegebene Teilbelastung
bis 19 kg
über der Vorgabe lag die gemessene Spitzenbelastung im Mittel
Handgelenk
ist die richtige Griffhöhe bei locker hängendem Arm

Teilbelastung: warum das Gefühl täuscht

Das ist der Teil, den kaum jemand erklärt und der praktisch am meisten ausmacht. Die Anweisung lautet etwa: «20 Kilo Teilbelastung für sechs Wochen.» Die meisten nicken, gehen nach Hause und schätzen. Und diese Schätzung ist, wie eine Untersuchung eindrücklich gezeigt hat, systematisch falsch.

In einer Beobachtungsstudie wurden 51 Patientinnen und Patienten nach orthopädischen Eingriffen begleitet, denen Teilbelastung verordnet war. Sie wurden mit den üblichen Methoden angeleitet – Hand unter den Fuss, Personenwaage oder mündliche Erklärung – und die tatsächliche Belastung wurde anschliessend mit druckempfindlichen Einlegesohlen gemessen. Das Ergebnis: Mindestens 72 Prozent überschritten ihre Vorgabe, mit einer mittleren Spitzenbelastung von bis zu 19 Kilo über dem Zielwert. Und zusätzlich zeigte sich: Weder die Betroffenen selbst noch die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten konnten zuverlässig einschätzen, ob die Vorgabe eingehalten wurde.

Die praktische Konsequenz ist kein Grund zur Panik, sondern ein klarer Auftrag: Trainieren Sie das Gefühl aktiv, statt es vorauszusetzen. Das geht mit einer gewöhnlichen Personenwaage.

SchrittSo geht's
1. Waage bereitstellenEine gewöhnliche Personenwaage auf den Boden legen, davor einen Stuhl oder eine Wand zum Abstützen.
2. Zielwert einstellenMit den Krücken davorstellen, den betroffenen Fuss auf die Waage setzen und langsam so viel Gewicht daraufgeben, bis der vorgegebene Wert angezeigt wird.
3. Gefühl einprägenDiesen Druck 10 Sekunden halten und bewusst wahrnehmen, wie stark das Bein arbeitet. 5-mal wiederholen.
4. Ohne Blick prüfenDie Augen schliessen oder wegschauen, den Zielwert nach Gefühl einstellen und dann kontrollieren. Anfangs liegen die meisten deutlich darüber.
5. Täglich wiederholenEin bis zwei Minuten täglich in den ersten Wochen. Das Gefühl verblasst schnell und muss aufgefrischt werden.
Wann Sie sich melden sollten

Ärztlich abklären lassen sollten Sie eine plötzliche Zunahme von Schmerz oder Schwellung am operierten Bein, eine Rötung oder Überwärmung, Fieber, eine sich öffnende oder nässende Wunde sowie das Gefühl, dass das Bein plötzlich nicht mehr trägt. Bei einseitiger Schwellung mit Schmerz in der Wade muss eine Thrombose ausgeschlossen werden. Bei Atemnot oder Brustschmerz gilt der Notruf 144.

Alltag mit Krücken: die kleinen Dinge

Aufstehen vom Stuhl: Beide Krücken in eine Hand nehmen und am Griff halten, mit der anderen Hand die Armlehne fassen. Das betroffene Bein leicht nach vorne strecken, dann mit dem gesunden Bein und Armkraft aufstehen. Erst im sicheren Stand die Krücken auf beide Hände verteilen. Beim Hinsetzen läuft es umgekehrt.

Dinge transportieren: Mit belegten Händen wird es kompliziert. Ein Rucksack ist die einfachste Lösung; für Getränke oder Teller im Haushalt hilft ein Rollwagen oder ein Tablett mit rutschfester Unterlage, das auf einer Ablage von Zimmer zu Zimmer geschoben wird.

Stolperfallen entfernen: Teppichkanten, lose Kabel, glatte Böden und Haustiere sind die häufigsten Sturzursachen in dieser Phase. Ein Rundgang durch die Wohnung vor dem Spitalaufenthalt lohnt sich. Im Bad sind eine rutschfeste Matte und ein Duschhocker sinnvoll.

Und die Schultern: Nach ein paar Tagen melden sich oft Nacken und Schultern, weil die Arme ungewohnt viel Last tragen. Das lässt sich abmildern, indem Sie die Griffhöhe kontrollieren, die Schultern bewusst tief lassen statt sie hochzuziehen, und über den Tag verteilt einige lockere Schulterkreise machen. Übungen dafür finden Sie im Beitrag zu Nackenübungen für zwischendurch.

Wie lange Krücken nötig sind und wann die Belastung gesteigert werden darf, gibt immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt vor. Wie der Aufbau nach einem Gelenkersatz aussieht, zeigt unser Beitrag zur Reha nach der Knieprothese; für die Zeit nach einer Sportverletzung ist der Beitrag Physiotherapie nach Sportverletzungen der passende Einstieg. Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung; halten Sie sich in jedem Fall an die individuelle Belastungsvorgabe.

Häufige Fragen

Wie geht man mit Krücken die Treppe hoch und runter?

Die Merkregel lautet: aufwärts zuerst das gesunde Bein, abwärts zuerst das kranke Bein mitsamt den Krücken. Aufwärts geht also das gesunde Bein auf die höhere Stufe, dann folgen das betroffene Bein und die Stützen nach. Abwärts kommen Stützen und betroffenes Bein zuerst auf die tiefere Stufe, dann folgt das gesunde Bein. Eine verbreitete Eselsbrücke dafür lautet: aufwärts in den Himmel mit dem guten Bein, abwärts in die Hölle mit dem schlechten.

Wie stelle ich Krücken auf die richtige Höhe ein?

Stellen Sie sich aufrecht hin, lassen Sie die Arme locker hängen. Der Griff der Krücke sollte etwa auf Höhe des Handgelenks oder der Handgelenksfalte liegen. Wenn Sie die Stütze dann greifen, ist der Ellbogen leicht gebeugt, ungefähr 20 bis 30 Grad. Zu tief eingestellte Stützen führen zu einer gebückten Haltung und Rückenschmerzen, zu hohe belasten die Schultern.

Wie übe ich Teilbelastung mit Krücken?

Mit einer gewöhnlichen Personenwaage. Stellen Sie den betroffenen Fuss auf die Waage und drücken Sie so weit, bis die vorgegebene Kilozahl angezeigt wird, etwa 20 Kilo. Merken Sie sich dieses Gefühl und wiederholen Sie es mehrmals täglich, bis Sie es ohne Waage treffen. Das ist wichtig, weil das blosse Gefühl trügt: In einer Untersuchung überschritten mindestens 72 Prozent der Betroffenen ihre Vorgabe deutlich.

Wie viel Belastung ist bei Teilbelastung erlaubt?

Das gibt die Ärztin oder der Arzt individuell vor, meist als Kilozahl wie 15 oder 20 Kilo, manchmal als Anteil des Körpergewichts. Halten Sie sich an die konkrete Angabe und schätzen Sie sie nicht. Wichtig ist auch die Dauer: Teilbelastung gilt in der Regel für einen definierten Zeitraum nach Operation oder Bruch, und die Freigabe zur vollen Belastung erfolgt ebenfalls ärztlich.

Wie steht man mit Krücken vom Stuhl auf?

Beide Krücken in eine Hand nehmen und am Griff halten, mit der anderen Hand die Armlehne oder die Sitzfläche fassen. Das betroffene Bein leicht nach vorne strecken, dann mit dem gesunden Bein und der Armkraft aufstehen. Erst wenn Sie sicher stehen, die Krücken auf beide Hände verteilen. Beim Hinsetzen läuft es umgekehrt ab.

Warum schmerzen nach ein paar Tagen die Schultern?

Weil die Arme eine ungewohnte Last übernehmen und viele dabei die Schultern hochziehen. Prüfen Sie zuerst die Griffhöhe: Zu tief eingestellte Stützen zwingen in eine gebückte Haltung, zu hohe belasten die Schultern zusätzlich. Lassen Sie die Schultern bewusst tief, machen Sie über den Tag verteilt einige lockere Schulterkreise und legen Sie beim Gehen häufiger kurze Pausen ein.

Quellen & Literatur

  1. Yu S, McDonald T, Jesudason C, Stiller K, Sullivan T. Orthopedic inpatients' ability to accurately reproduce partial weight bearing orders. Orthopedics. 2014. Orthopedics. Abgerufen 2026.
  2. IQWiG / gesundheitsinformation.de. Nach einer Operation am Bein: Hilfsmittel und Bewegung. gesundheitsinformation.de. Abgerufen 2026.
  3. Suva. Sicher unterwegs nach Unfall und Operation. suva.ch. Abgerufen 2026.

Weiterlesen